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Stein in der Geschichte: Die Gründung der Altsteiner Vereinigung 1965

August | Angelika Ziegler & Ida-Lena Zoglmann

Als Ilse Wiskott im Oktober 1948 das Landschulheim Stein gründete, entstand nicht nur eine Schule, sondern eine Gemeinschaft, deren Verbindung weit über die gemeinsame Schulzeit hinausreichen sollte. Der Wunsch, diese besondere Verbindung zwischen ehemaligen Schülerinnen und Schülern und ihrer ehemaligen Schule zu bewahren, begleitete die Gründerin von Beginn an.

An Pfingsten 1965 fand das zweite Altsteiner-Treffen in Stein statt. Rund 110 ehemalige Schülerinnen und Schüler folgten der Einladung von Herrn und Frau Ziegler und versammelten sich, um die von Frau Doktor Wiskott seit Langem gewünschte Gründung einer Altsteiner-Vereinigung auf den Weg zu bringen.

Auch wenn die Gründerin des Landschulheims diesen besonderen Moment nicht mehr erleben konnte – sie war 1964 verstorben –, wurde ihr Wunsch von den ehemaligen Schülerinnen und Schülern weitergetragen. Am 5. Juni 1965 wurde schließlich die Altsteiner Vereinigung ins Leben gerufen.

Die Gründung der Vereinigung war dabei weit mehr als die Schaffung eines Ehemaligen-Netzwerks. Sie sollte den Kontakt zwischen den ehemaligen Schülerinnen und Schülern untereinander erhalten und gleichzeitig die Verbindung zur Schule stärken. In seiner Ansprache beschrieb Dr. Guidotto Graf Henckel Fürst von Donnersmarck, einer der Initiatoren der Vereinigung, die Idee dahinter: Die gemeinsamen Jahre in Stein hätten viele geprägt – unabhängig davon, wie lange oder wie gerne jemand das Landschulheim besucht hatte. Diese Erfahrungen sollten nicht einfach in Vergessenheit geraten, sondern weiterhin Teil der eigenen Lebensgeschichte bleiben.

Auch der damalige Internatsleiter und Schulvorstand Olaf Ziegler richtete sich an die Altsteinerinnen und Altsteiner. Er sah in ihnen eine wichtige Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft: Sie bewahrten die Erinnerung an die Entstehung und Entwicklung des Landschulheims und konnten zugleich aus ihrer eigenen Lebensgeschichte heraus zeigen, welche Spuren der »Steiner Geist« hinterlassen hatte.

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich die Altsteiner Vereinigung weiter. 1982 wurde daraus der Altsteiner Verein, der seitdem das Landschulheim Schloss Stein, die pädagogische Arbeit und die Stipendienstiftung Stein unterstützt.

Doch der Ursprung dieser Geschichte liegt im Jahr 1965. Wir möchten diesen besonderen Moment noch einmal lebendig werden lassen und nehmen Sie mit auf eine kleine Zeitreise. Aus dem Jahresbericht 1965 haben wir die damaligen Berichte und Ansprachen digitalisiert und stellen sie im Original zur Verfügung – mit den Worten der Menschen, die die Gründung der Altsteiner Vereinigung selbst miterlebt und gestaltet haben.

»Die Gründung der Altsteiner Vereinigung – die Stimmen von 1965«

ZUR GRÜNDUNG EINER ALTSTEINER-VEREINIGUNG (ASV) 

Zusammenfassung der einleitenden Worte von GUIDOTTO HENCKEL DONNERSMARCK anläßlich der Gründung einer Altsteiner-Vereinigung am 5. JUNI 1965 in Stein 

Wir sind zusammengekommen, um die Gründung einer Altsteiner-Vereinigung zu besprechen. 

Ich fühle mich nicht als Präsident von eigenen Gnaden, sondern möchte nur abstatten, was ich vor drei Jahren Frau Doktor Wiskott zusagte, nämlich, mich für eine solche Vereinigung einzusetzen. Ich habe damals mit Wilhelm Solms, Albrecht Olenhusen, Jokey Bethge verabredet, diese Angelegenheit vorzubereiten. 

Die erste Frage, die wir uns heute stellen, lautet: Hat die Gründung einer derartigen Vereinigung Sinn? Es erscheinen zwei Gesichtspunkte maßgebend, einmal, den Kontakt der ehemaligen Schüler mit Stein, zum anderen, den Kontakt der ehemaligen Schüler untereinander zu ermöglichen. Hat dies Sinn? 

Eure Anwesenheit und die noch einmal so hohen positiven Zuschriften von heute Verhinderten beweisen das Interesse. Der Kontakt ehemaliger Schüler mit Stein ist von Stein, zum anderen von uns aus zu sehen. Zum Beispiel kann es für die jeweiligen Schüler der Oberstufe eine Hilfe sein, durch einen „Ehemaligen“, der studiert oder am Anfang eines Berufes steht, Ratschläge und Informationen zu erhalten über das, was sie nach dem Abitur erwartet. Vorträge oder Reiseberichte, die einer von uns hier hält, und die Teilnahme an eigenen Veranstaltungen des Heimes können beitragen, den Gesichtskreis der Schüler zu erweitern. Bekanntlich sind das Lehrerproblem und der Wunsch nach Schülern, die sich nicht nur dadurch auszeichnen, daß sie in keiner öffentlichen Schule mehr aufgenommen werden, akute Fragen jeden Internates. Hier kann ein Altsteiner Gelegenheit haben, zu helfen. Es gibt natürlich noch viele Gründe, die von Stein aus dafür sprechen, Kontakt mit ehemaligen Schülern zu halten. Aber für die, die keinerlei Verpflichtung ihrer ehemaligen Schule gegenüber verspüren, scheint mir im Hinblick auf eine weitere Verbindung mit Stein vor allem eines wesentlich: 

Wir alle haben entscheidende Jahre unseres Lebens hier verbracht. Da das Entscheidende zunächst weniger in der Tatsache Stein, sondern darin liegt, daß man in diesem Alter Erlebnissen und Eindrücken gegenüber am offensten ist und die Erfahrungen dieser Jahre für das Leben bestimmend bleiben, kommt es nicht darauf an, ob einer kurz oder lang, gern oder ungern hier gewesen ist. Daher, meine ich, sollte man diese Zeit nicht wie einen alten Anzug in den Schrank hängen, sondern es kann förderlich sein, ihn gelegentlich anzuziehen und festzustellen, daß er nicht mehr recht sitzt. Das mag daran liegen, daß er seinerzeit schlecht geschneidert war. Es kann aber auch sein, daß meine Figur sich verschlechtert hat. Auf jeden Fall wird es anregen, das tägliche Leben und manche Probleme einmal wieder in anderem Licht zu sehen und ihnen ein anderes Gewicht zu geben. 

Das eben Gesagte gilt ähnlich für den Kontakt ehemaliger Schüler untereinander. Viele wird es interessieren, was aus alten Freunden und Feinden geworden ist. Eine Freundschaft soll erneuert, eine Fehde endlich ausgetragen werden. Ein Adressenverzeichnis und jährlich versandte kurze Nachrichten über Persönliches könnten die Voraussetzung schaffen. 

Aus den kurz angedeuteten und sicher noch anderen Gründen erscheint es mir sinnvoll, etwas zu finden, was den ehemaligen Schülern ermöglicht, Verbindung untereinander und zu Stein zu halten, sofern sie wollen. Dazu kommt, daß dies ein besonderer Wunsch von Frau Doktor war, auf dessen Verwirklichung sie bis zuletzt gehofft hat. 

Die Realisierung jeden Gedankens bedarf der Organisation. Da wir alle Steiner sind, erscheint das Minimum als Maximum. Es geht um die Möglichkeit des Kontaktes. Kontakt halten läßt sich nur mit dem Steiner, der ansprechbar ist, und ansprechbar ist nur, wer erreichbar ist. Die Erreichbarkeit kann aber bei einer solchen Anzahl, wie sie die Altsteiner heute bereits darstellen, nur durch eine Zusammenfassung ermöglicht werden. Dabei halte ich einen eingetragenen Verein nicht für notwendig, sondern eine lose Verbindung, eine bloße Vereinigung für ausreichend, deren Kontinuität durch eine Satzung gewährleistet werden soll, in der die Voraussetzungen, Ziele und anzuwendenden Mittel fixiert sind. 

Wilhelm Solms, Albrecht Olenhusen, Jokey Bethge und ich haben eine Satzung zusammengestellt, an deren Erstellung auch viele andere Altsteiner mittel- oder unmittelbar beteiligt sind, da ich mich mit vielen darüber unterhalten habe. Daher hoffe ich, daß sie im grundsätzlichen den allgemeinen Vorstellungen entspricht, wenn sie auch auf Kritik und Verbesserung hin angelegt ist. 

Die Idee der Gründung einer Altsteiner-Vereinigung ist alt und nicht von uns. Es war meines Wissens die Generation Christian Pfuel, der Brüder Seefried, Werner Riepl, Chris Bremme, die zum ersten Mal mit Frau Doktor Wiskott darüber sprach. Das letzte Treffen, das wir für das vergangene Jahr mit Frau Doktor verabredet hatten, fiel aus. Es war das Todesjahr von Frau Doktor. Herr Ziegler zeigt sich einer Altsteiner-Vereinigung gegenüber sehr aufgeschlossen. Seine Vorstellungen decken sich weitgehend mit denen von Frau Doktor. Darüberhinaus, glaube ich, dürfen wir manche Anregung von ihm erwarten. 

Originaltext, Quelle: Jahresbericht 1965

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BEGRÜSSUNGSANSPRACHE des Heimleiters und Schulträgers, Herrn Olaf ZIEGLER, zum ALTSTEINER-Treffen Pfingsten 1965 

Liebe Altsteiner! 

Zum zweiten Mal versammelt Ihr Euch heute hier in Stein, an dem Ort also, an dem Ihr einen Teil Eurer Jugendzeit verbracht habt. Zum ersten Male aber findet Euer Wiedersehen mit Stein statt, ohne daß meine Mutter Euch hier begrüßen kann. Durch ihren Tod seid Ihr nun unversehens zu der „Steiner Generation“ geworden, die ihre Schulzeit noch unter der Gründerin des Landerziehungsheimes verbringen durfte. 

Ihr habt dadurch auch einen, wie ich meine, sehr wichtigen Status den jetzigen Steinern gegenüber: Einerseits bewahrt Ihr die Erinnerung an eine Vergangenheit, in der dieses Heim aufgebaut und sein Gesicht geprägt wurde. Zum anderen aber gehört Ihr zu denen, die einen Lebensabschnitt erreicht haben, der für die jetzigen Steiner erst in der Zukunft beginnen wird. Ihr schöpft also aus der Vergangenheit und steht in der Zukunft. Ich sehe darin Eure Wichtigkeit und Eure Aufgabe für das Landerziehungsheim, denn Ihr allein könnt heute verbindlich darüber Auskunft geben, ob die Prägung, die der „Steiner Geist“ an Euch und in Euch hinterließ, sich als gute Valuta in Eurem Leben erweist. Ihr allein und kein Pädagoge kann heute abschätzen, welche Manifestationen des „Steiner Geistes“ sich in der Realität als fruchtbringend erweisen konnten. 

Ich glaube, daß es dabei nun nicht nötig ist, sich auf eine Realität und eine Fruchtbarkeit zu einigen, denn die Manifestationen des „Steiner Geistes“ werden so verschieden gewesen sein, wie jeder hier im Raume verschieden ist. 

Ich habe aus den Statuten der „Altsteiner-Vereinigung“ ersehen, in welch hohem Maße Ihr es für richtig haltet, den mir anvertrauten Kindern hier ein Maximum an Freiheit zu geben, sicher in der Hoffnung, wenn nicht gar der Meinung, der „genius loci“ von Stein werde den Mißbrauch der Freiheit schon verhindern. 

Hier sind wir aber auf eine entscheidende Frage gestoßen, nämlich was geschehen kann und soll, damit der vielzitierte „Steiner Geist“ nicht nur als eine Art freundliche Vision aus der Jugendzeit ehemaliger Schüler hier heute und morgen ein wenig herumgeistere. 

Es ist sicher von einem Geist viel verlangt, sich zu verkörpern; ohne diese Wandlung aber würde er doch nur ein allzu ephimeres Dasein führen. Wir wollen also versuchen, diese Wandlung in jedem Einzelnen, der seine Schulzeit hier verbringt, zu ermöglichen. 

Ich danke Euch, daß Ihr Euch heute vormittag hier zusammengefunden habt, um dem „Steiner Geist“ von Euch aus eine ihm würdige Erscheinungsform anzubieten.

Originaltext, Quelle: Jahresbericht 1965

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ZWEITES ALTSTEINER - TREFFEN 

Durch den Tod unserer verehrten Frau Doktor Wiskott sind wir erst nach zweieinhalb Jahren, an Pfingsten 1965, zu unserem zweiten Altsteiner-Treffen zusammengekommen. Es waren etwa 110 alte Steiner, die der Einladung von Herrn und Frau Ziegler gefolgt waren und sich nach dem Mittagessen in der Turnhalle zusammenfanden, um die auch von Frau Doktor gewünschte „Vereinigung“ ins Leben zu rufen. Nach den hier ebenfalls abgedruckten einleitenden Worten von Guidotto Henckel Donnersmarck verlas Wilhelm Solms den Satzungsvorschlag, der anschließend lebhaft und erfreulich sachlich diskutiert wurde. Das Gespräch entwickelte sich vor allem an dem Kernstück des Vorschlages: 

„Die Vereinigung will das LEH in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten wissen. Damit bejaht sie: 

  1. a) das humanistische Gymnasium 
    b) Vorrang der Heimerziehung vor der Schulerziehung 
    c) Koedukation 
    d) religiöse Erziehung 
    e) Eigeninitiative der Schüler 
    f) Musik, Sport, Theater und Literatur als Grundlagen der Erziehung 

Sie lehnt ab: 

  1. a) eineorganisierte Schülermitverwaltung 
    b) Einfluß von Name, Geld, Rasse, politischer Überzeugung in Heim und Schule.“ 

Es war interessant zu sehen, daß einige der jüngsten Altsteiner nicht mehr wußten, daß die Schule ursprünglich und lange Zeit rein humanistisch gewesen ist und daß sie einer organisierten Schülermitverwaltung, die nach Meinung der älteren Altsteiner der Eigeninitiative der Schüler entgegenwirkt, nicht mehr so ablehnend gegenüberstehen. Doch die große Mehrheit war einverstanden. Da aber einige Punkte über Beitritt, Einberufung der Versammlung u. a. abgeändert wurden, wird die Satzung zum nächsten Treffen zu Pfingsten 1966 erneut vorgelegt. Wolfgang Hoesch, Karlheinz Kaeppel und Kilian v. d. Tann bildeten den Wahlausschuß, der erst die Wahlvorschläge und dann die Stimmzettel der geheimen Wahl einsammelte. Während die Stimmzettel ausgezählt wurden, hieß Herr Ziegler als neuer Heimleiter die Vereinigung willkommen. Seine Ansprache ist ebenfalls hier abgedruckt. 

Mit großer Stimmenmehrheit wurden inden Vorstand der Altsteinervereinigung gewählt: 

  1. Vorsitzender: Guidotto Henckel Donnersmarck
  2. Vorsitzender: Wilhelm Solms-Lich 
    Schriftführer: Joachim Bethge 
    Kassenwart: Werner Riepl.

Nach dem „Tee im Schloß“ gaben Herr und Frau Zsigmondy und der Altsteiner Helmut Steger ein Konzert, in dem sie Violin-Doppel-Werke von Händel, Bartòk und Bach vortrugen. Wir freuten uns an den erstaunlichen Fortschritten von Helmut Steger, der seinem berühmten Partner im Klang durchaus ebenbürtig war. 

Kerzenbeleuchtung und ein ausgezeichnetes Buffet gaben den Auftakt zum Tanzabend im Schloß, der durch die gute Kapelle rasch in Stimmung kam. Man konnte wieder einmal feststellen, daß das altvertraute Steiner Bier nicht nur wenn es verboten ist zusammenschmiedet. Gerade von den beliebten Steinern waren viele gekommen wie Veit Gärtner, Herr Rupp, Otto v. Westerholt, Hans Spiegel (Fösch), und Wolfgang Hoesch bestätigte seine Verlobung mit Alexandra v. Pfuel, zu der wir an dieser Stelle im Namen der Altsteiner mit besonderer Herzlichkeit gratulieren. Die Anwesenheit von Frau Gräfin, Frau Weymar, Herrn Konrad - inzwischen mit Recht ein stolzer Familienvater -, Herrn Derlick und Herrn Dr. Rasch brachte uns die alte Zeit wieder greifbar nahe. 

Nach einem kurzen Schlaf im Heim trafen wir uns auf dem Sportplatz, und wir konnten die Mannschaft der jetzigen Steiner aus unseren Reihen so gut verstärken, daß sie doch tatsächlich im Handball siegte. 

Nach dem Mittagessen kam als krönender Abschluß eine Burgführung durch Frau Schuhbeck persönlich (ihr Mann ist im letzten Jahr leider verstorben). Ganz alte Steiner entdeckten in ihrem Vortrag zum ersten Mal eine neue Pointe: „Hier hat er (Heinz v. Stein) ihr den Garaus gemacht. Das Blut kann man nicht mehr sehen, weil es schon so lange her ist.“ So lange schon, daß die Steiner keinen Nachschlüssel zur Loggia-Felstür mehr haben? Der Vorstand der Vereinigung stellt hiermit den Antrag, daß der Fleck weiter zweimal im Jahr erneuert wird. 

Nach dem offiziellen Aufbruch verschob sich der Schwerpunkt zu Martini, von wo die letzten der alten Steiner gegen Abend aufbrachen. 

Wir alle hoffen, auch die ehemaligen Freundinnen und Freunde, die diesmal nicht kommen konnten, beim Treffen in einem Jahr - zu PFINGSTEN 1966 - wiederzusehen und wir danken Herrn und Frau Ziegler für ihre herzliche Gastfreundschaft. 

Jokey und Wilhelm

Originaltext, Quelle: Jahresbericht 1965